Ausgerechnet die naturliebenden und vielerorts jagdverbundenen Briten haben ein Wild-Problem. Denn die Population von Hirsch und Reh auf der Insel ist dermaßen explodiert, dass sie sich auf einem historischen Höchststand von rund zwei Millionen Tieren bewegt. Eine kulinarische Lösung wäre zwar logisch, doch es fehlt die Nachfrage. Nun sollen britische Schulküchen „Bambi“ und Co. auf den Speiseplan setzen.
So majestätisch Großbritanniens Hirsche auch anzusehen sind - Landwirten, Förstern und Co. bereiten sie Kopfzerbrechen. Denn die Tiere haben in der freien Wildbahn keine natürlichen Fressfeinde, Wolf und Bär sind auf der Insel schon längst nicht mehr heimisch. 750.000 Tiere müssen geschossen werdenBis zu zwei Millionen Hirsche und Rehe lebten in den letzten Jahren in Großbritannien, rund 350.000 wurden jedes Jahr erlegt. Viel zu wenig, um die Population einzudämmen, so Experten gegenüber der „Times“. Um nachhaltig einen Effekt zu erzielen, müsse man 750.000 Tiere „entnehmen“, wie es in der Jägersprache so schön heißt. Dass sich Hirsch und Reh dermaßen ausbreiten konnten, liegt nicht nur an der Abwesenheit von großen Beutegreifern. Auch die milden Winter, die zu einem Boom der Land- und Forstwirtschaft inklusive erhöhtem Nahrungsangebot geführt hatten sowie die sinkende Nachfrage nach Wildfleisch spielen den Tieren in die Karten. Wildbesuch im LockdownAuch die Corona-Pandemie tat ihr Übriges dazu, in den Lockdowns entdeckten die Tiere Gemüsebeete und ähnliches in den Gärten der Briten als schmackhafte Nahrungsergänzung. Nicht selten sah man sie auch auf städtischen Grünflächen. Die britischen Jäger sind also angehalten, wieder mehr zu schießen, denn das Wild richtet jedes Jahr in der britischen Land- und Forstwirtschaft einen Schaden von 4,5 Millionen Pfund an, berichtet die BBC. Doch wohin mit dem Fleisch? Wildfleisch in der SchulkantineVor der Pandemie ging etwa 80 Prozent des Wildfleisches an Restaurants, während Corona sank naturgemäß die Nachfrage, berichtet Peter Watson von der Organisation Deer Initiative. Jetzt will man neue Wege gehen und den Jüngsten Hirsch, Reh und Co. schmackhaft machen. So soll das geschossene Wild in Schul- und Kindergartenküchen verarbeitet werden. Die Brancheninitiative Eat Wild kümmert sich nun darum, das südenglische Unternehmen Tops Day Nurseries, welches über 4000 Kinder betreut, hat bereits mehrmals Wild auf die Speisekarte gesetzt. „Rehbestand ist außer Kontrolle“Auch Supermärkte sollen wieder verstärkt motiviert werden, das Fleisch anzubieten. Die Vorteile liegen klar auf der Hand, so Eat-Wild-Chefin Louisa Clutterbuck: „Das Fleisch ist weder mit Wachstumshormonen noch mit Antibiotika behandelt.“ Zudem könne es zu einem deutlich günstigeren Preis angeboten werden: „Der Rehbestand ist außer Kontrolle, im Moment gibt es ein Überangebot.“Tierschützer empörtMotivierte Tierschützer sehen diese Initiativen allerdings nicht so gerne. Elisa Allen vom britischen PETA-Ableger protestiert: „Wild kann seine Population selbst kontrollieren, wenn es nicht genug Nahrung gibt.“ Auch die Ansiedelung von Wölfen oder Luchsen sowie künstliche Geburtenkontrolle sei eine Option. Dem kontert allerdings Charles Smith-Jones von der British Deer Society: „Besonders die künstliche Geburtenkontrolle mit Verhütungsmitteln braucht Jahre, bis das anschlägt.“ Stattdessen würde man die Tiere dazu verdammen, den Hungertod zu sterben. Bleibt also wohl doch nur der Weg auf den Teller.