Am 15. Oktober 2023, just drei Tage vor dem Equal Pension Day, sorgte Österreichs Bundeskanzler Christian Stocker für einen Eklat, als er erklärte, dass die Betreuung von Kindern für ihn keine Arbeit sei. Diese Aussage löste sofort eine Welle der Empörung aus, sowohl bei den politischen Gegnern als auch innerhalb der Bevölkerung. Stocker, der selbst an der Spitze der Volkspartei steht, schien mit seinen Äußerungen in einem sensiblen Thema, das die Gleichstellung der Geschlechter betrifft, ein ziemliches Fettnäpfchen getroffen zu haben.
Die Grünen-Parteichefin Leonore Gewessler ließ nicht lange auf sich warten und kritisierte die Aussage des Bundeskanzlers scharf. Sie bezeichnete seine Bemerkung als weit entfernt von der Realität und stellte klar, dass die Erziehung und Betreuung von Kindern eine äußerst anspruchsvolle und vor allem unverzichtbare Arbeit sei. Gewessler erinnerte daran, dass genau solche Äußerungen Frauen oft in ihrer Rolle als Hauptbetreuerinnen von Kindern unsichtbar machen und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beiträge, die sie leisten, nicht anerkennen.
Auch der FPÖ-Chef Herbert Kickl warf Stocker vor, mit seiner Aussage die gesellschaftlichen Realitäten zu ignorieren. Kickl, der von Natur aus eine kritische Haltung gegenüber der Regierung einnimmt, nutzte die Gelegenheit, um seine eigenen politischen Standpunkte zu bekräftigen, die häufig die traditionelle Rolle der Familie betonen. Seine Kritik verlief parallel zu der der Grünen und zeigt, dass das Thema der unbezahlten Arbeit nicht nur auf der politischen Agenda von linken Kräften steht.
In der Folge bemühte sich das Kanzleramt um Schadensbegrenzung. Sprecher von Christian Stocker versuchten, die Wogen zu glätten, indem sie erklärten, dass es nicht so gemeint gewesen sei und dass der Kanzler die wertvolle Arbeit der Eltern in keiner Weise herabwürdigen wollte. Dennoch blieb die Stimmung angespannt, und viele Menschen, insbesondere Frauen, fühlten sich durch die etwas unbedachte Bemerkung des Kanzlers ungerecht behandelt.
Der Equal Pension Day, der jährlich begangen wird, macht auf die Rentenungleichheit zwischen den Geschlechtern aufmerksam. Viele Frauen haben aufgrund von Teilzeitarbeit oder unbezahlter Familienarbeit weniger Rentenansprüche als Männer. In diesem Kontext erscheint Stockers Aussage besonders unglücklich, da sie die fortdauernde Debatte über die gesellschaftliche Wertschätzung von Care-Arbeit neu anheizt.
Die Diskussion um die Wertschätzung von Care-Arbeit wird in Österreich und vielen anderen Ländern immer lauter. Der Equal Pension Day soll sensibilisieren und Forderungen nach einer besseren Anerkennung von Care-Arbeit laut werden lassen. In Zeiten von Gleichstellung und Gendergerechtigkeit sind Aussagen, die Care-Arbeit abwerten, umso problematischer. Mecklenburg-Vorpommern, wo eine aktuelle Studie zur Rentenungleichheit durchgeführt wurde, zeigt, wie dringlich diese Diskussion ist. Viele Frauen kämpfen bis ins hohe Alter mit den Folgen von unzureichenden Rentenansprüchen, da sie ihre beruflichen Chancen zugunsten der Familie oft zurückgestellt haben.
Der Vorfall könnte somit als Katalysator für eine breitere gesellschaftliche Diskussion über die Rolle von Frauen in der Betreuung von Kindern und die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für diese Arbeit dienen. Während die Politik noch darum ringt, die richtigen Worte zu finden, wird deutlich, dass es einer grundlegenden Umwertung der Sichtweise auf Care-Arbeit bedarf, um echte Gleichstellung von Mann und Frau zu erreichen.